Persönlicher Buchtip – Der Längere Atem

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Ein persönlicher Buchtip

Ein persönlicher Buchtip

Essay über das Buch von George Leonard „Der längere Atem – Die 5 Prinzipien für langfristigen Erfolg im Leben“

In seinem Buch „Der längere Atem“ versucht George Leonard durch seine Prinzipien zu vermitteln, wie man in der Schnelllebigkeit unserer Zeit, entgegen der Oberflächlichkeit und dem Druck unserer Gesellschaft, die Fertigkeiten des alltäglichen Lebens – „den Weg des Meisters“ – erlernen kann.

In der „Meisterschaft“ sieht Leonard einen Lernprozess, einen Weg, durch den wir eine Fertigkeit, sei es ein Hobby, eine Verhaltensweise oder ähnliches, in welchem Lebensbereich auch immer, erlernen. Dieser Prozess wird von Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, Freude und Leid begleitet. Es handelt sich um eine Reise, die niemals endet und auf der nicht das Erreichen eines endgültigen Zieles im Vordergrund steht, sondern auf der wir die Möglichkeit erhalten eine langsame, in die Tiefe gehende Entwicklung zu erfahren – Schritt für Schritt – „Plateau für Plateau“. Diese Reise stellt, wie Leonard gesellschaftskritisch und meiner Ansicht nach auch sehr zutreffend bemerkt, einen Gegenpol zu der von Medien geprägten, konsum- und zielorientierten Gesellschaft dar, in der wir Ziele in allen Lebensbereichen am besten gestern erreichen sollen. Angestrebt wird ein Ideal – ein schnell erreichtes makelloses Endergebnis, ohne die Darstellung des häufig steinigen Weges dorthin.

Da das Wort „Langsamkeit“ in unserer Gesellschaft negativ belegt ist, übersieht man aus Angst, nicht schnell genug zu sein, meist die wertvolle Möglichkeit, etwas bewusst, im eigenen Tempo, zu tun und die eigene Entwicklung wahrzunehmen – in seiner eigenen Geschwindigkeit.

Kennzeichnend für den „Weg des Meisters“ ist die Wertschätzung und Freude, gerade am längeren Verweilen in jeder einzelnen Lernphase – auf jedem „Plateau“ – unabhängig von Dauer oder Schwierigkeitsgrad. Fortschritte, Erfolge und auch Ziele spielen dabei zwar eine Rolle, denn sie stärken die Persönlichkeit und verleihen Auftrieb, wie es jeder von uns kennt, aber sie spielen nicht die Hauptrolle. Worum es geht, ist das „bewusste“ Verweilen, ohne sich dabei auf Kosten seiner selbst vorauszueilen. Fleiß, Ausdauer und auch Ehrgeiz sind dabei zwar von Wichtigkeit und auch Voraussetzung, aber in einem gesunden Maße.

Leonard nennt uns zur Unterstützung beim Erlernen einer Fertigkeit 5 Prinzipien.

So ist zunächst die richtige Wahl eines Lehrers von Wichtigkeit, um von Anfang an individuell und gewissenhaft geschult zu werden. Der Lehrende sollte uns Geduld und Empathie entgegenbringen, aber auch in der Lage sein, seine Schülern mit einem ausgewogenen Maß an Lob, Kritik und Respekt zu schulen. So ist es vor allem auch die Erkenntnis, selbst Schüler zu bleiben, die sich ein Lehrer immer wieder vor Augen führen sollte – sich „auf jedem Abschnitt des Weges den Geist und das Herz des Anfängers zu kultivieren.“ (Leonard S.  85)

Als zweites Prinzip folgt die Übung. Gemeint ist dabei jedoch nicht nur das regelmäßige Üben im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr der Weg in seiner Gesamtheit, mit all seinen Facetten. Ohne die Hingabe, die Bereitschaft sich aus seinen vertrauten Gedanken- und Verhaltensmustern herauszubewegen, auch wenn man sie sich hart erarbeitet hat, ist es nicht möglich, empfänglich für neues zu sein. Das bedeutet auch den Mut aufzubringen, unerfahren von „0“ zu beginnen, sich auf unsicheres Terrain zu begeben und dabei auch mögliche Niederlagen und Rückschläge anzunehmen.

Intention kann im Zusammenspiel mit der Herangehensweise, bestimmte Handlungen mit einer bildlichen Vorstellung, einem bestimmten Gefühl oder einer Vision zu verbinden, wie eine Art „Kraftstoff wirken“, der den nötigen Antrieb verleiht. Von großer Wichtigkeit ist zudem die Fähigkeit der Selbsteinschätzung, ob und in welchem Maße man die eigenen Grenzen überschreiten kann. Voraussetzung für diese Selbsteinschätzung ist v.a. auch die Bereitschaft, wieder in die Regelmäßigkeit zurückzukehren, nachdem man seine Grenzen ausgetestet hat, und sich nicht zu übernehmen.

Andererseits verschweigt Leonard nicht, dass man im Laufe der Zeit auch auf Widerstände gegen eintretende Veränderungen, sowohl bei sich selbst als auch im eigenen Umfeld, stoßen kann. Er spricht sehr treffend von dem natürlichen Bedürfnis, sich wieder in die vertrauten Muster zurückzuziehen und sich in seine Sicherheit zu flüchten, gerade wenn es schwierig wird. Ganz wichtig und hilfreich finde ich ebenfalls seine Anregung, sich ein stabiles Gerüst aufzubauen, das Veränderungen tragen und in Zeiten der Unsicherheit ein Gefühl der Sicherheit vermitteln kann. Neben Unterstützung und Rückhalt durch Familie, Freunde oder andere Schüler, kann es die Schaffung einer festen regelmäßige Routine sein, die ein solches Fundament aufbauen kann.

All dies sind gute Gedanken, deren Umsetzung sich jedoch oft als schwierig erweist. Aber je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass auch das Erlernen dieser Eigenschaften zum Lernprozess gehört und sie nicht durch Schnelligkeit gewonnen werden können, denn auch sie brauchen ihre Zeit. Denn der Weg des Meisters ist gleichzeitig auch der Weg zu sich selbst, wie Leonard betont.

Was ich als Essenz aus diesem Buch mitnehme, ist nicht nur die Erkenntnis, dass ich, egal in welcher Lebensphase, niemals aufhören werde zu lernen. Vor allem aber, dass ich in meiner Fertigkeit – Ashtanga Yoga – immer Schülerin bleiben werde, weil ich immer wieder dazulerne, auch als Lehrende. Durch die Individualität meiner Schüler und dadurch, dass ich die Möglichkeit bekomme, sie auf ihrem Weg mit Höhen und Tiefen begleiten zu dürfen, lerne ich immer wieder von vorne.

Ich erhalte eine wertvolle Gelegenheit Ashtanga Yoga auf meiner persönlichen Reise in seiner Gesamtheit Schritt für Schritt zu verstehen und meine eigene Entwicklung wahrzunehmen. Das Fundament, die Basis, die Leonard beschreibt sehe ich in der Regelmäßigkeit meiner eigenen Praxis, die sich für mich mittlerweile zu einem mir wertvollen Ritual gefestigt hat. So fühlt sich meine regelmäßige Übung nie gleich an, sondern von Mal zu Mal anders. Sie gibt mir Zufriedenheit, Freude und Sicherheit. Was mir dabei bewusst wird ist, dass es nicht darum geht, Asanas in Perfektion zu meistern oder alle Serien zu beherrschen. Vielmehr kann ich mehr und mehr nachvollziehen, dass es darum geht, Yoga in seiner Gesamtheit zu verstehen und es nach und nach auf alle Lebensbereiche auszuweiten.

George Leonard: Der längere Atem: Die fünf Prinzipien für langfristigen Erfolg im Leben.

Isbn: 978-3453700550

 

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